Bayern-Kapitän im Video-Interview

Lahm: "So ein Turnier gibt es kein zweites Mal"

München - Bayern-Star und Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm spricht im Interview über die "Weltsprache" Fußball, die Vermittlung von Werten, Talentspäher und prominente Vorgänger.

Herr Lahm, können Sie sich eigentlich selbst noch an Ihre Zeit als Bub’ bei den E-Junioren erinnern?

Philipp Lahm: Ja, selbstverständlich. Ich habe bei einem kleinen Verein gespielt, der FT Gern, meinem Heimatverein. Fußball hat mir von klein auf immer Spaß gemacht. Und ich kann mich auch gut an den Merkur CUP erinnern: Ein Turnier, das über mehrere Monate ging, bei dem du dich immer weiter durchkämpfen konntest. Es wurde Runde für Runde spannender und packender. In dieser Altersklasse gibt es keinen vergleichbaren Wettbewerb. Das war schon etwas Besonderes.

Haben Sie denn tatsächlich selbst beim Merkur CUP gespielt? Unsere Statistiker waren sich da nicht ganz sicher: Das erste Turnier fand 1995 statt.

Philipp Lahm:Also, ich bin mir sicher, dass ich Merkur CUP gespielt habe. Ich war immer der Jüngste in meinem Team, dann muss ich 1995 dabei gewesen sein. Damals war ich elf Jahre alt, das müsste doch passen.

Ja, das würde genau passen ...

Philipp Lahm:... dann war ich also ein Kind des ersten Merkur CUPs. Das ist doch was (lacht).

Damals war Karl-Heinz Rummenigge Schirmherr, Ihr heutiger Vorstandschef beim FC Bayern – nun treten Sie in seine Fußstapfen beim Merkur CUP . . .

Philipp Lahm:Ja, das ist schon kurios. Wobei ich ehrlich sein muss: Als kleiner Bub’ habe ich damals nicht so sehr darauf geachtet, wer Schirmherr war.

Wie haben Sie dann als kleiner Bub’ den Merkur CUP wahrgenommen?

Philipp Lahm:Ich bin ja erst nach den E-Junioren zum FC Bayern gewechselt, wo wir dann natürlich viele Turniere gespielt haben. Aber bei der FT Gern war es, wie gesagt, etwas ganz Besonderes. Wo wirst du als kleiner Verein aus München denn so eingeladen? Ein Turnier wie den Merkur CUP gibt es kein zweites Mal. Deshalb war ich sehr stolz als Spieler, an diesem besonderen Wettbewerb teilzunehmen. Beim FC Bayern ist es selbst schon für die ganz jungen Spieler Normalität, solche Turniere zu spielen – aber für die kleinen Vereine gleichen diese Spiele Festtagen.

Rummenigge war die ersten zwei Jahre Schirmherr, dann viele Jahre der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber, die früheren Nationalspieler Manfred Schwabl und Stefan Reuter hatten diese Rolle inne, Letzterer sogar sechs Jahre – jetzt beginnt die Ära Lahm. Wie fühlt es sich in dieser Reihe so an?

Philipp Lahm:Das sind wirklich prominente Namen, das fühlt sich natürlich gut an. Karl-Heinz Rummenigge ist Vorstandschef des FC Bayern, das sagt ja schon alles. Edmund Stoiber ist eine bayerische Persönlichkeit, Manfred Schwabl ist Präsident der SpVgg Unterhaching, Stefan Reuter wurde unter anderem 1990 Weltmeister – wenn ich alle meine Vorgänger nachahmen möchte, habe ich einiges vor. Da muss ich mich zusammenreißen (lacht).

Dennoch haben Sie ja sehr spontan zugesagt. Was sind Ihre Gründe?

Ein Kind des ersten Merkur CUP: Philipp Lahm (mit Organisationsleiter Uwe Vaders) war 1995 dabei – hier präsentiert er den Pokal 2014.

Philipp Lahm:Ich habe die Schirmherrschaft übernommen, weil ich den Merkur CUP als Veranstaltung für Mädchen und Buben großartig finde. Ich denke, bei so einem Turnier können die Kinder sehr viel lernen. Über Fußball werden Werte vermittelt. Man bringt sich in ein Team ein, man hilft einander, man entwickelt sich Seite an Seite. Fußball ist ein Mannschaftssport, man lernt, diszipliniert zu sein in einer Gemeinschaft. Neben dem sportlichen Wettbewerb geht es bewusst um die Vermittlung von Begriffen wie Fairness, Respekt oder Toleranz und deren Bedeutung. Ich denke, es gibt wenige Wege, um diese glaubhafter zu transportieren als über die „Weltsprache“ Fußball. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich als Schirmherr des Merkur CUP angefragt wurde und gerne ja gesagt.

Die Teilnehmer lernen also fürs Leben?

Philipp Lahm:Ja, und das vor allem spielerisch. Klar gibt es im Fußball Trainer, die sagen, was zu tun ist – aber das Spielerische steht doch immer im Vordergrund. Man verliert zusammen, man gewinnt zusammen. Man steckt Niederlagen zusammen weg, man feiert zusammen Siege – das Lernen erfolgt nebenbei. Auch deshalb macht mir persönlich Fußball so viel Spaß.

Wie steht es um die Glücksgefühle bei einem erfolgreichen Torschuss?

Philipp Lahm:Naja, da ich nicht so oft treffe, bin ich da wohl der falsche Ansprechpartner (lacht). Da muss man eher Mario Mandzukic fragen, der schießt ja so oft Tore, ich gewinne hingegen öfter defensive Zweikämpfe – meine Glücksgefühle ziehe ich also entsprechend aus solchen Zweikämpfen. Aber ab und zu treffe ich ja doch auch und kann Ihnen sagen, das ist etwas Schönes – es geht nun einmal um Tore im Fußball. Ohne Tore gewinnst du kein Spiel. Wenn ich also mal treffe, feiere ich das natürlich auch besonders.

Auch mal feucht-fröhlich – wie ist das bei einem Fußball-Profi?

Philipp Lahm:Am Ende einer Saison vielleicht schon mal. Dazwischen ist es bei den vielen englischen Wochen, die wir beim FC Bayern haben, nicht ratsam, zu ausgiebig zu feiern.

Thomas Müller wurde beim Merkur CUP beim TSV Pähl entdeckt, die Bender-Zwillinge kickten hier mit Unterhaching, Mats Hummels war dabei, Diego Contento, Stefan Aigner – ist der Merkur CUP auch eine erste kleine Spielerbörse? 

Philipp Lahm:Definitiv. Der Merkur CUP ist eine gute Bühne für Talente, da bekanntermaßen auch viele Scouts kommen – denn nirgends sonst können sie alle Talente dieser Jahrgangsstufe so gebündelt sehen. Für die Talentsucher ist es, denke ich, deshalb schon ein wichtiger Wettbewerb. Und natürlich ist es auch für die Vereine eine Gelegenheit zu zeigen, dass sie gute Arbeit leisten, und es nicht zuletzt eine schöne Möglichkeit für gute Spieler, sich zu präsentieren.

„Bei der WM haben zehn Nationen eine Chance auf den Titel“

Sie haben seit 2007 eine Stiftung, die Kindern Werte vermitteln möchte. Was ist Ihnen da wichtig?

Philipp Lahm:Ich finde, Fußball ist ein wunderbares Vehikel: Man kann seine eigenen Stärken entdecken und entwickeln, man erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man hilft, die Schwächen des Kameraden zu kompensieren. Man erfährt, dass Disziplin, Fairness, Gemeinschaft zentrale Werte des Zusammenlebens sind. Man sammelt Erfahrungen in der Gemeinschaft, auf spielerische Art. Mir ist auch in den Stiftungsprojekten – in den beiden afrikanischen Projekten und den Sommercamps in Deutschland – wichtig, dass das Lernen spielerisch erfolgt und die Effekte nachhaltig sind. Die Kinder sollen sich ausprobieren können, Fähigkeiten entdecken und grundlegende soziale Werte erfahren, um ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können.

Im Juniorenfußball erlebt man immer mehr, dass die Eltern ambitioniert am Spielfeldrand Einfluss nehmen. Würden Sie sich da Zurückhaltung wünschen, um das Spielerische nicht zu sehr zu gefährden?

Philipp Lahm:Ja. Ich kenne das ja selbst von früher, da haben auch schon viele Eltern reingerufen. Aber auch Eltern sollten Disziplin zeigen – was auf dem Spielfeld passiert, ist Sache des Trainers und der Spieler. Ich denke, wo die Eltern wichtig sind, ist nach dem Spiel, um ihre Kinder wieder aufzubauen oder zu loben. Kritik und Ansagen während des Spiels sollten sie allerdings schon dem Trainer überlassen.

Lassen Sie uns kurz in die große weite Fußballwelt abschweifen: Die WM in Brasilien rückt näher. Was ist da Ihr Ziel?

Philipp Lahm:So eine WM ähnelt ein wenig dem Merkur CUP – man ist über Wochen zusammen, arbeitet an einem großen Ziel. Ein guter Teamgeist ist sehr wichtig. Unser Ziel für die WM ist natürlich klar das Finale, und wenn wir im Endspiel stehen, wollen wir den Pokal auch mit nach Hause nehmen. Das Problem ist: Das wollen andere auch, und dieses Jahr halte ich die Konkurrenz um den Titel für so groß wie nie zuvor in der WM-Geschichte. In meinen Augen sind zehn Nationen dabei, die die Chance haben, den Titel zu holen. Wir starten mit einer schweren Gruppenphase, danach wird es noch schwerer – aber wir werden sehr gut vorbereitet sein.

Wenn es nicht klappt mit dem Titel – wie geht ein Philipp Lahm mit Niederlagen um, was raten Sie da auch den Mädchen und Buben beim Merkur CUP?

Philipp Lahm:Man kann viel aus Niederlagen lernen – meist mehr als aus Siegen. Man darf dann ein bisschen trauern, auch ein wenig wütend sein. Emotionen gehören dazu, die muss man zulassen. Dann sollte man sich fragen „Habe ich mein Bestes gegeben?“, und wenn man die Frage für sich mit „ja“ beantworten kann, wieder nach vorne schauen. Man muss an seinen Stärken und vor allem seinen Schwächen arbeiten und aus den Fehlern lernen. Meine Erfahrung zeigt: Es gibt meistens eine neue Chance. Schauen Sie nur mich an: Ich habe einige wichtige Spiele verloren, bin aber auch belohnt worden.

Das Gespräch führte Uwe Vaders

Aufgezeichnet von Andreas Werner

Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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