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Wenn brave Eltern plötzlich ausflippen

Eine kleine Meldung nur ist es gewesen. Die aber erzählt eine ziemlich fatale Geschichte. Bei einem Eishockeymatch in Berlin sind ein paar Fans ausgeflippt, haben zu pöbeln begonnen und zu randalieren, haben Sprüche wie „brecht ihnen die Knochen“ aufs Spielfeld geplärrt. Die Polizei musste gerufen werden, um die Lage zu beruhigen.

An sich nichts allzu Besonderes. Wären die Fans nicht Eltern gewesen und die Spieler auf dem Eis deren Kinder. Hier endet die Meldung. Dabei wäre es spannend gewesen, zu erfahren, was weiter passiert ist. Vielleicht das: Fassungslos standen die Buben auf dem Eis, mit versteinerten Mienen sahen sie, was sich da abspielte auf den Rängen. Erwachsene Menschen gingen aufeinander los, Männer und Frauen, die Kinder erziehen, ihnen Vorbild sein sollten. Erwachsene Menschen, die den Sinn des Sports nicht begriffen haben, für die erst der Sieg kommt. Und ganz zuletzt die Moral.

Doch die Buben auf dem Eis haben das anders gelernt. Der Sport, so hat man ihnen erzählt, vermittle Tugenden wie Teamgeist, Anstand und Fairness. Der Sport lehre sie, mit Erfolgen, aber auch mit Niederlagen umzugehen. Haben ihre Eltern das nicht begriffen, haben sie selbst nie Sport getrieben? Oder sind sie so sehr zerfressen vom Ehrgeiz, dass sie es nicht ertragen können, wenn ihr Kind ein Spiel verliert?

Überall lässt sich dieses Phänomen entdecken, überall dort, wo Kinder Sport treiben, nicht nur im Eishockey, auch im Fußball, im Handball, sogar beim Tennis. Auch da sollen schon Väter ausgeflippt und Mütter übergeschnappt sein, wird von bösen verbalen Entgleisungen und kleineren Rangeleien berichtet. Manchmal auch von großen. Was aber ist es nur, das den seriösen Banker plötzlich um die Contenance, die unbescholtene Geschäftsführerin aus der Fassung bringt, den freundlichen Versicherungsvertreter zum pöbelnden Proleten und die brave Hausfrau zur Furie werden lässt? Wird das Spiel der Kinder missbraucht als Möglichkeit, einmal richtig Dampf ab- und die Sau rauszulassen? Dass das der richtige Ort dafür bestimmt nicht ist, wissen sie hinterher selbst. Und meist ist es ihnen auch peinlich.

Aber warum sind Eltern so? Warum können sie ihre Kinder nicht einfach spielen, sich ganz normal entwickeln, ihren Weg gehen lassen? Vielleicht weil wir unsere unerfüllten Träume, unsere Wünsche und Hoffnungen in die Kinder projizieren, von ihnen das erwarten, was wir nicht geschafft haben. Sie sollen stark sein, erfolgreich, bewundert, sie sollen zu Stars werden, Deutschland sucht doch Superstars.

Und deshalb müssen wir sie siegen sehen, immer und immer wieder. Deshalb schicken wir sie ins Gefecht wie kleine Gladiatoren, die unseren Stolz mehren sollen. Und wir vergessen, dass es für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen Wichtigeres gibt als ein gewonnenes oder verlorenes Eishockey- oder Fußballspiel.

Als die Polizei die Randalierer getrennt hat, haben sich die Buben abgewandt, angewidert, enttäuscht, manche mit Tränen der Wut in den Augen. Sie haben sich geschämt für ihre Eltern. Sie hatten nur spielen wollen, sich beim Sport messen, nicht den Gegner vernichten. Nun reichten sie sich stumm die Hände, verließen gemeinsam das Eis. Und haben sich geschworen, nie erwachsen werden zu wollen. Jedenfalls nicht so wie ihre Eltern. So etwa könnte die Geschichte weiter gegangen sein. Ist sie aber wohl nicht.

Wie sollen Kinder Fairness lernen, wenn ihnen Gewalt vorgelebt wird? Es ist schon eine ziemlich fatale, eine traurige Geschichte.

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