Kameradschaft übersteht fast alles

Corona hat den E-Junioren der Region den Höhepunkt ihres Fußballjahres genommen, den Merkur CUP. Um die 26. Auflage des weltweit größten U11-Turniers zumindest ein wenig aufleben zu lassen, präsentiert die Heimatzeitung in einer zehnteiligen Serie Geschichten zum Buch der Werte – mit Themen wie Respekt, Freundschaft und Disziplin.

Es ist eine Szene, die immer wieder mal vorkommt im Fußball, nicht nur im Kinderfußball. Der Torwart lässt den Ball ein bisschen blöd durch die Beine rutschen, kann passieren. Tor. Es regnet, der Ball ist glitschig wie eine Kröte. Nun kann man erwarten, dass die Mitspieler den Unglücksraben trösten, ihm auf die Schulter klopfen, ihn aufrichten. Einer aber rennt los, Tränen der Wut in den Augen, tobt, stößt seinen Torhüter um, gebärdet sich wie einst Axel Schulz im Boxring. Der kleine Keeper rappelt sich auf, sinkt dann heulend ins Gras. Und seinen Mitspieler, der derart ausflippte, zerren sie vom Platz.

Es ist eine traurige Geschichte, sie handelt von Auswüchsen im Kinderfußball. Aber handelt sie nicht auch von dahinter steckenden viel zu ehrgeizigen Erwachsenen, handelt sie nicht von einem völlig überzogenen Leistungsdruck, dem schon Zehnjährige ausgesetzt werden? Die Geschichte entstammt nämlich nicht irgendeinem Spiel, sondern einem entscheidenden. Vielleicht war es den Kindern gar nicht so bewusst, offensichtlich aber einigen Eltern, manchen Betreuern, die insgeheim schon an die schönen Meisterfotos in der Heimatzeitung dachten. Und die Kinder „richtig heiß“ machten, wie man im Fachjargon sagt. So sehr, dass einer dann nicht verkraften konnte, dass ein Patzer seines Keepers den Sieg kostete.

Was aber hätten die Eltern tun sollen? Den Kindern sagen, sie sollen einfach nur spielen, Spaß haben, auch wenn sie verlieren? Es ist oft schwierig, die Balance zu finden zwischen Erfolgsdenken und den Bedürfnissen von Kindern. Schmal ist der Grat, auf dem sich Eltern und Betreuer bewegen. Natürlich sollen die Kids in erster Linie Freude am Sport, Spaß an der Bewegung, am gemeinsamen Spiel haben. Aber haben sie nicht noch mehr Freude, wenn sich Erfolge einstellen?

Fragen wie diese sind quälend an diesem trüben Nachmittag, als sich der schimpfende Übeltäter heulend im Regenmantel seines Vaters verkriecht. Rausschmeißen würd’ ich den, rufen einige, der soll doch boxen oder Golf spielen, aber bitte keinen Mannschaftssport betreiben. Als das potenzielle Strafmaß immer härter wird, stellt sich der Betreuer schützend vor den Buben und bittet darum, die Sache nicht derart zu dramatisieren.

Der Bub ist übrigens im Verein geblieben, zwei Wochen später schon hat er wieder mitgespielt, hat seinen Torwart gelobt, sich gefreut über Tore und Siege. Er hat auch wieder mal verloren, das aber hat er weggesteckt. Tapfer, wie es sich gehört für einen echten Sportsmann. Was inzwischen mannschaftsintern passiert ist? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat sich der Trainer mit den Eltern zusammengesetzt, die Ziele neu definiert, vielleicht haben sie gemeinsam die Lehren gezogen aus dem bitteren Vorfall. Die Kinder hatten dem Buben sichtbar verziehen, auch der Torwart. Die Mannschaft und der Sport haben ihn aufgefangen, wieder integriert. Er wurde nicht ausgestoßen wegen des Ausrasters. Eine wichtige Erfahrung.

Sie hat ihn gelehrt, dass der Sport nicht in erster Linie aus Siegen und Erfolgen besteht. Sondern viel mehr zu bieten hat: Geborgenheit, Kameradschaft und Freundschaft, die selbst derart kritische Situationen übersteht.

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