Fragen an Sportmediziner Dr. Rüdiger Degwert

Dr. Degwert ist renommierter Sportmediziner und betreut u. a. Sportler aus dem Bereich Fußball, Basketball, Volleyball, Eishockey sowie Leichtathleten, Tennisspieler und auch Tänzer.

Mehr Informationen zu unserem Experten Dr. Rüdiger Degwert finden Sie unter degwert.de

Von 2007 bis 2011 war er Mannschaftsarzt des FC Bayern München und war ebenfalls bereits für die SpVgg Unterhaching und die Stuttgarter Kickers im Einsatz. In seiner Praxis in München sind er und sein Team gefragte Ansprechpartner für den Themenkomplex der Sportverletzungen. Wir stellten ihm Fragen zum Thema Prävention, Wachstum, Training und Verletzungen bzw. deren Behandlung bei Kindern.

Falls Sie eigene Fragen an unseren Experten haben, senden Sie uns diese an info@merkurcup.de - wenn Fragen von allgemeinem Interesse sind, leiten wir sie an Dr. Degwert weiter und veröffentlichen die Antwort auf dieser Seite.

Themenübersicht:

Prävention | Verletzungsanfälligkeit | Verletzungen im Wachstum | Wachstumsphasen | Präpübertät | Sport im Wachstum | Knochenwachstum | Muskulatur | Bänder- und Gelenksverletzungen | Verletzungs-Erstversorgung | Behandlung mit Eis | Trainingsbelastung | Krafttraining | Ausdauertraining | Warm-up | Stretching | Cool-down | Ausfallzeiten | Turnover-Rate | Trainings-Ziele | ärztl. Untersuchungen | Wundheilung | Verletzungs-Ursachen | Gewebe

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- Was versteht man eigentlich unter Prävention?  
„… vorbeugende Maßnahmen, Programme und Projekte um ein unerwünschtes Ereignis oder eine unerwünschte Entwicklung zu vermeiden…“. Also: eine vorausschauende Problemvermeidung. Es gilt der Grundsatz: 1 Gramm Prävention ist besser als 1.000 Gramm Therapie!

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- Warum sind Kinder für Verletzungen anfälliger als Erwachsene? 
Das kindliche, noch wachsende Skelett unterscheidet sich von dem des Erwachsenen nicht nur in seiner Struktur, sondern erheblich in der Belastungsresistenz.

Es gibt große individuelle Schwankungen. Durch muskuläre Stabilisation können auch viele Probleme sozusagen vorbeugend vermieden oder zumindest vermindert werden.

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- Warum sind Kinder während des Wachstums besonders anfällig für Verletzungen?  
Weil ein zeitweiliges Missverhältnis im Bewegungsapparat entsteht: Es gibt ein Längen- und ein Breitenwachstum, wobei die Geschwindigkeit variiert und die Wachstumsintensität unterschiedlich stark verläuft. Längen- und Breitenwachstums sind dabei gegeneinander versetzt – es kommt zu Veränderungen der Körperproportionen.

Die Knochen wachsen schneller im Vergleich zu den Muskeln und Sehnen. Der Muskel hat eine genetisch vorbestimmt Länge, er passt sich an und der Muskelquerschnitt kann sich vergrößern.

Der Muskel-Sehnen-Komplex benötigt längere Zeit, um Kraft und Koordination zur Kontrolle der neuen Knochenlänge zu entwickeln. Dadurch kommt es zu einer Steigerung der Wahrscheinlichkeit für Muskel- und Sehnenverletzungen sowie Knorpel- und Knochenschädigungen. Das ist auch ein Problem der nervalen Ansteuerung. Hier können sich therapeutische Ansätze finden lassen.

Folgen dieses Missverhältnisses sind eine Verringerung der Beweglichkeit der Wirbelsäule und der Gelenke sowie Koordinationsstörungen und Ungeschicklichkeit.

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- Welche Wachstumsphasen gibt es?
Man unterscheidet:

  • Säuglingsalter / Kleinkindalter
  • Vorschulalter
  • Präpubertät (= U 11)
  • Pubertät

Kalendarisch gleichaltrige können jedoch körperliche Entwicklungsunterschiede entsprechend einem Entwicklungszeitraum von 4-6 Jahren aufweisen.

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- Was charakterisiert die Präpubertät?

  • vorpubertäre Phase (Jungen 10-12 Jahre, Mädchen 9-10 Jahre)
  • keine ausreichend ausgebildete Stütz-, Halte- und Bewegungsorgane (limitierende Faktoren für Leistungsfähigkeit)
  • Verlangsamung des Wachstum = Ausgewogenheit der Körperproportionen
  • Kraft-Last-Verhältnis durch harmonisches Wachstum günstiger
  • motorische Lernfähigkeit sehr gut

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- Wo liegen die Risiken sportlicher Betätigung im Wachstum?
Im Kindes- und Jugendalter gibt es häufig Beeinträchtigungen des reifenden Knochens vor allem bei Einwirkung hoher mechanischer Belastung. Nicht rechtzeitig erkannte und berücksichtigte Normabweichungen bergen die Gefahr erheblicher Spätfolgen, auch bei ausgeprägter Leistungsfähigkeit.

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- Wie wachsen Knochen eigentlich?
Knochen wachsen in der Epiphysenfuge (oder Wachstumsfuge). Das ist die Fuge zwischen der Epiphyse (Endstück) und der Metaphyse der Röhrenknochen und besteht aus hyalinem Knorpel. Sie ist der Ort des Knochenwachstums in Form der enchondralen Ossifikation. Der Ossifikationskern in der Epiphysenfuge wird Epiphysenkern genannt. Epiphysenfugen sind 3- bis 5-mal weicher als der Kapsel-Band-Apparat, der sie umgibt. Daher ist die Wachstumsfuge/ Epiphysenfuge besonders anfällig für Frakturen und Verletzungen. Bei Verletzungen kann es unter anderem zu Achsenabweichungen, Fehlstellungen oder gar einem Wachstumsstopp kommen.

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- Welchen Anteil hat die Muskulatur am Körpergewicht?

  • Geburt: 23 %
  • 6 Jahre: 28 %
  • 15 Jahre: 33 %
  • 18 Jahre: 44 %

Der Anteil wird beeinflusst durch Geschlechtshormonproduktion und körperliche Aktivität (allerdings zunächst bis Beginn Pubertät kein Unterschied Mädchen/Jungen)

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- Welche Bänder- und Gelenksverletzungen unterscheidet man?

  • Zerrung (elastische Verformung)
  • Dehnung (plastische Verformung)
  • Ruptur

Im Kindesalter gibt es gute Heilungstendenzen, in der Regel ist keine operative Behandlung von Nöten.

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- Wie sollte eine Erstversorgung bei Verletzungen aussehen?
Nach der PECH-Regel: Pause, Eis, Compression, Hochlagern Auf die Verwendung von Eisspray sollte dringend verzichtet werden! 

Es sollte eine Erste-Hilfe-Tasche mit allen notwendigen Utensilien für eine Erstversorgung vorbereitet und im Training bzw. bei Spielen mitgeführt werden. Hier sind Trainer, Betreuer und Sportlehrer besonders gefragt. Am wirksamsten hat sich das Anwenden von Kühlung (maximal 3-mal jeweils maximal 10 Minuten) bei gleichzeitiger Kompression erwiesen, und zwar direkt nach der Verletzung. 

Zusätzliche können bei Bedarf Medikamente eingesetzt werden, z. B. homöopathisch oder naturheilkundlich/ biologisch.

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- Wo liegen die Gefahren einer Behandlung mit Eis / Eisspray?
Eine Kühlung kann drastische Folgen auf die betroffenen Körperteile haben: 

  • Temperatur unter 15°C: Lymphdrainage gestört
  • Temperatur unter 10°C: Stoffwechsel, Durchblutung, Sehnenheilung gestört
  • Temperatur unter 5°C: Nervenfunktion gestört

Generell gilt: Temperatursenkung um 10°C = Stoffwechselabfall um 50%

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- Was ist die Trainingsbelastung?

Die Trainingsbelastung ist ein qualitatives und quantitatives Maß für die geleistete Trainingsarbeit. Die Belastungskomponenten sind dabei:

  • Trainingsintensität
  • Trainingsdauer
  • Trainingsumfang
  • Reizdichte

Um der Belastung entgegenzuwirken, ist es wichtig, dass Regenerationsphasen eingehalten werden.

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- Sollen Kinder Krafttraining machen?
Kinder (9-12 Jahre) haben fast ausnahmslos eine Schwäche der Haltemuskulatur, insbesondere des Rumpf-, Hüft-und Schulterbereiches = muskuläre Dysbalancen. Die Extremitätenmuskulatur scheint hingegen in einem besseren „Trainingszustand“ zu sein.

Daher ist ein Ausgleich von möglicherweise schon vorhandenen Muskelverkürzungen und muskulären Dysbalancen zu empfehlen. Gezieltes Muskeltraining kann Haltungsschäden vorbeugen oder verbessern und allgemein zur Gesundheit beitragen.

Krafttraining sollte frühestens mit 10 Jahren begonnen werden. In Einzelfällen ist Krafttraining auch bereits vorher möglich, jedoch generell sollte nur maximal mit dem eigenen Körpergewicht gearbeitet werden. Ab ca. 10-12 Jahren wird die Beweglichkeit nur noch in jenen Bewegungsrichtungen erhalten bzw. gesteigert, in welchen sie trainiert wird.

Achtung: kein Krafttraining mit dem vorrangigen Ziel, möglichst viel Gewicht stemmen zu können!

- Was ist beim Krafttraining von Kindern besonders zu beachten?

Ein gutes Krafttraining sollte so gestaltet sein:

  • vielseitig, mit Schwerpunkt auf Rücken, Bauch, Schultern
  • möglichst risikolose Übungen
  • korrekte Bewegungsausführung
  • ausreichende Pausengestaltung
  • ausreichende Pausen von circa 1 bis 6 min. zwischen Schnelligkeitsübungen
  • bei Ermüdungserscheinungen: sofort abbrechen

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- Wie sieht ein gutes Ausdauer-Training aus?

Nur selten und dosiert, weil es motivational schwierig ist! Trainingsformen mit Ball und Trainingsformen im Wasser sind optimal. Hauptsache ist, dass Ausdauertraining auch Spaß macht und nicht demotivierend wirkt.

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- Warum ist ein Warm-up wichtig?
Dadurch wird eine optimale psycho-physische Verfassung vor einem sportlichen Training/Wettkampf hergestellt. Das Herz-Kreislaufsystem und der Bewegungsapparat werden in Einsatzbereitschaft versetzt. 

- Was gilt es beim Stretching / Dehnen zu beachten?

Stretching / Dehnen reduziert das Risiko einer muskulären Verletzung, verbessert die Bewegungsweite im Gelenk und fördert somit die koordinativen Fähigkeiten.

Maximal 5 – 10 Minuten. Vorher sollte leicht Aufgewärmt werden (z. B. durch Traben)

  • Dehnstellung beim statischen Dehnen ohne ruckartige Bewegungen und maximal 5-8 Sekunden / Übung
  • leichtes Ziehen ist normal (aber: keine Schmerzen!)
  • zusätzlich Entspannung und Konzentration auf Atmung
  • Vorsicht mit dynamischem Dehnen: langsam und „weich“
  • bei Krafttraining: Aufwärmung der beanspruchten Muskelgruppe
  • kein Dehnen nach dem Training / Spiel (bzw. frühestens nach 45 min.)

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- Was ist ein „Cool-down“?

Darunter versteht man ein langsames Abwärmen des Körpers nach Belastung. Dadurch kann die Regenerationszeit verkürzt werden. Es wirkt physiologisch (Herz-Kreislauf-System, Muskulatur, degenerativer Stoffwechselprozesse, Muskelpumpe bleibt aktiv) und psychologisch (Entspannung, Distanz). Passives „Cool-down“ erfolgt durch z. B. durch Massage, Bäder, Sauna, Ergänzung des Flüssigkeits-, Vitamin- und Mineralstoffhaushalt.

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- Mit welchen Ausfallzeiten ist bei Verletzungen zu rechnen?

Die Ausfallzeiten variieren je nach Verletzung und Individuum stark. Hier einige grobe Richtzeiten:

  • Epiphyse, Apophyse (3-4 Monate)
  • Muskelfaserverletzungen (2-6 Wochen)
  • Sehnenüberlastungen (4-12 Wochen)
  • Sehnenrupturen (ca. 6 Monate)
  • Meniskusverletzungen (6-10 Wochen, bei Naht länger)
  • Knorpelschäden (6-12 Monate)
  • knöcherne Stressreaktionen (1-6 Monate)

Was können Eltern / Trainer tun, um für den Fall einer ernsten Verletzung vorbereitet zu sein? Es empfiehlt sich, für jedes Kind einen „Sportlerpass“ anzulegen und diesen immer mitzuführen, so dass dieser in eventuellen Notfällen dem behandelnden Sanitäter oder Arzt vorgelegt werden kann. Dieser Pass sollte vor allem folgende Angaben beinhalten: 

Name, Geburtsdatum, Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adresse, Kontaktperson (Elternteil), Hausarzt / Kinderarzt, Allergien / Unverträglichkeiten, ausgeheilte Verletzungen, bereits erfolgte OPs, (permanente) Medikamenteneinnahme, Zahnarzt / Zahnstatus, akute Verletzungen / Beschwerden, erfolgte Laboruntersuchungen, Einlagen, Optometrie / Augen

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- Turnover-Rate (Zellaustausch)

Dies ist stark von der Gewebeart abhängig. Hier einige Beispiele:

  • Grundsubstanz (2-9 Tage)
  • Fasern (300-500 Tage)
  • Haut (5-10 Tage)
  • Synovia (14-21 Tage)
  • Kapsel/Ligament (300-500 Tage)
  • Knorpel (300 Jahre)
  • Bandscheibe (60 Jahre)
  • Knochen (10 Jahre)

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- Welche Hauptziele sollten beim Fußball-Training der E-Jugend verfolgt werden?

In dieser Altersklasse ist Beweglichkeit, Schnelligkeit und Gewandtheit entscheidend. Neben dem Verständnis des Spielsystems und dem Beherrschen wichtiger Fußball spezifischer-taktischer Elemente sollte ein Fokus auf die Vertiefung der konditionellen Fähigkeiten mit Schwerpunkt auf aerobe Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Kraftausdauer und die Weiterentwicklung koordinative Grundelemente gelegt werden. Die inhaltlichen und zeitlichen Möglichkeiten oder Anforderungen sind individuell zu berücksichtigen.

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- Wie kann ich sicherstellen, dass mein Kind keine wichtige ärztliche Untersuchungen verpasst?

Tipp: Legen Sie einen Jahreskalender für Ihr Kind an, der alle wichtigen Check-Ups enthält. Hier können Sie alle regelmäßigen Termine eintragen (z.B. Kinderarzt / Orthopäde, Physiotherapie / manuelle Medizin, Zahnarzt, Naturheilkundearzt, andere Ärzte bei Bedarf / Labor). So behalten Sie den Überblick.

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- Welche Phasen unterscheidet man bei der Wundheilung?

  • Entzündungsphase (< 3./5. Tag)
  • Proliferationsphase (3.-5. Tag bis 4.-12. Woche)
  • Umbauphase / Remodelling (ab 4.-12. Woche bis zu 1 Jahr)

Die Dauer der Phasen ist je nach Verletzungszone und / oder Art der Verletzung unterschiedlich, vor allem die Dauer der Phasen 1 und 2.

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- Was sind häufige Ursachen für Sportverletzungen und -schäden?

Endogene und exogene Faktoren können zu Sportverletzungen führen. Endogene Faktoren: z. B. Erbanlage, Alterung, Konstitutionstyp, Begleiterkrankungen (infektiöse Krankheiten, postentzündliche Veränderungen, Autoimmunerkrankungen, Medikamente) Exogene Faktoren: z. B. Bodenbeschaffenheit, Sportmaterial (Schuhe etc.), direkte Fremdeinwirkung, einseitiges Training / Übertraining, mangelnde Regeneration (in den frühen Jugendstufen nicht so häufig).

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- Wie unterscheidet sich das Gewebe eines Kindes von dem eines Erwachsenen?

Die Knochenstruktur unterscheidet sich gegenüber Erwachsenen hinsichtlich der Wachstumsfugen, der Elastizität des Gewebes und der knorpeligen Epiphysenregion. Die Knochen sind erhöht biegsam, aber auch vermindert zug- und druckfest. Das Sehnen- und Bandgewebe ist ebenfalls weniger zugfest. Die Festigkeit des Knorpels nimmt im Laufe des Wachstums um bis zu 1.000% zu bei gleichzeitiger Zunahme des Kollagenfaseranteils um 100%.

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